Wir nutzen Cookies, um das allgemeine Benutzerelebnis zu verbessern. Mit der Nutzung unseres Wikis stimmst du der Nutzung von Cookies zu.

Publikation: Wider den Matthäuseffekt

Autor

Prof. Wilfried Elmenreich Institut für Vernetzte und Eingebettete Systeme Alpen-Adria-Universität Klagenfurt

Artikel Wider den Matthäuseffekt (Scratch-Wiki-Version)

Original erschienen in OCG Journal, 2015, Jahrgang 40, Ausgabe 1, S 23-24.

Scratch ist eine visuelle Programmiersprache, die Kindern bereits im Volksschulund Vorschulalter den Einstieg ins Programmieren erlauben soll – ganz nach dem Motto „Lerne zu programmieren; programmiere, um zu lernen“ (Mitch Resnick, MIT). Neben einer grafischen Programmierung mittels eines intuitiven und simplen Befehlssatzes bietet Scratch auch eine Art soziales Netzwerk. Erstellte Projekte können dort veröffentlicht werden und von anderen auf der Scratch-Plattform ein Like oder ein Fav (d.h. Aufnahme in die Favoritenliste) bekommen.

Dies stärkt natürlich die Motivation, ein Projekt zu machen um es dann den Peers zu zeigen. Wie bei Twitter gibt es auch die Möglichkeit anderen Scratcher/innen zu folgen um dann über die neuesten Aktivitäten dieser Person informiert zu werden. Zwischen Scratcher/innen baut sich hier somit ein Followernetzwerk auf, welches auch bei der Navigation auf der Scratch-Seite hilfreich ist: will man die besten Projekte finden, folgt man am besten den beliebtesten Scratcher/innen. Scratch hat nämlich aktuell über 7 Millionen veröffentlichte Projekte von über 4 Millionen registrierten User/innen im Alter von 4 bis 80 Jahren. Ein manuelles Durchgehen zum Finden von interessanten Projekten ist bei einer solchen Anzahl nicht mehr möglich.

Power law Verteilung der Followers auf Scratch

Das Suchen nach dem Followerprinzip würde hervorragend funktionieren, wäre da nicht ein Effekt der Selbstverstärkung: Scratcher/innen welche bereits gut vernetzt sind, haben wesentlich bessere Chancen neue Follower dazuzugewinnen als unbekannte Scratcher/innen. Ein solcher Selbstverstärkungseffekt tritt in vernetzten komplexen Systemen häufig auf und ist weithin auch als Matthäuseffekt bekannt, gemäß einer Bibelstelle im Matthäusevangelium aus dem Gleichnis von den anvertrauten Talenten: „Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“ (Mt 25,29). Bei Scratch führt das langfristig dazu, dass weitgehend unabhängig von der Projektqualität die Aufmerksamkeit auf eine kleine, gut vernetzte Minderheit konzentriert wird, während die Mehrheit nahezu leer ausgeht. Eine Analyse von ca. 10000 Scratch-Accounts ergab eine durchschnittliche Anzahl von 43 Followers pro Account. Davon hatten mehr als die Hälfte im Schnitt aber 9 oder weniger Follower. Die Häufigkeit vs. Followers folgt einer Power Law Verteilung (Alpha=2.52).

Für viele der jungen ScratcherInnen erzeugen solche Ungleichheiten ein Gefühl der Ungerechtigkeit bis hin zur Unsicherheit bezüglich der eigenen Fähigkeiten. Das Problem wurde vom Scratch Team natürlich erkannt, mit dem Versuch dem Effekt entgegenzuwirken. Das wichtigste Instrument stellt das wechselnde Ausstellen von Scratch-Projekten auf der Scratch-Startseite dar. Neben dem Scratch-Team werden hier auch abwechselnd Communitymitglieder erwählt (sogenannte Kuratoren), welche die Suche und Auswahl eines Teils der auszustellenden Projekte treffen. Viele dieser Kuratoren wählen für sich selbst Richtlinien, welche gute, unbekannte Projekte von unbekannten Scratcher/innen bevorzugt. Eine andere Initiative betraf das Entfernen der Followeranzahl auf der Profilseite der Scratcher/innen, um Statusunterschiede weniger kenntlich zu machen.

Leider lässt sich der Matthäuseffekt nicht so leicht austricksen: Wenngleich durch das Ausstellen auf der ersten Seite einzelne Projekte und Scratcher/innen einen enormen Popularitätsschub erfahren, so ändert das ab einer gewissen Netzwerkgröße nichts an der grundsätzlichen Verteilung. Es kommen so nur ein paar Scratch/innern zu einer besseren Statistik bezüglich ihrer Followers, die Menge der unbekannten bleibt davon unbeeindruckt groß. Ein anderes Problem ergibt sich durch die Schwierigkeit, gute, unbekannte Projekte zu finden. Eine zufällige Suche wäre zwar gerecht, ist aber extrem ineffizient - auf Scratch gilt nämlich auch Sturgeon’s Law: „90% von allem ist Dreck“, d.h. man müsste überproportional viele Projekte sichten um zufällig auf ein Hervorragendes zu stoßen. Verlässt man sich beim Suchen aber auf Empfehlungen aus dem Netzwerk, trägt man unbewusst selbst wieder zum Matthäuseffekt bei.